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Alltag

Zwei Papas, ein Sohn und ganz viel Anfang

Es gibt diese Momente, die sich nicht planen lassen. Sie passieren einfach. Und danach ist alles anders.

Bei Carlos und Simon (Namen von der Redaktion geändert) ist es ein Anruf. Der Tag beginnt normal, dann klingelt das Telefon und es ist nichts mehr wie immer. Die Stimme am anderen Ende teilt mit: „Ihr Sohn ist auf der Welt.“ Eine knappe Stunde später halten sie auch schon den Säugling im Arm. „Ab dem Moment waren wir Eltern“, sagt Carlos rückblickend.

Der Wunsch, der lange mitlief

Carlos und Simon sind seit 15 Jahren ein Paar, seit 13 Jahren verheiratet. Offiziell wurde ihre eingetragene Lebenspartnerschaft allerdings erst 2018 in eine Ehe umgewandelt – im Zuge der „Ehe für alle“, die es seither gleichgeschlechtlichen Paaren ermöglicht, uneingeschränkt zu heiraten. Ein bürokratischer Schritt, der für sie weit mehr war als nur ein Formular. Denn erst mit diesem Gesetz wurde auch möglich, was sie sich schon lange gewünscht hatten: ein Kind adoptieren. „Der Wunsch nach einem Kind war bei uns beiden von Anfang an da“, erzählt Carlos. „Aber es war eben auch eine rechtliche Frage.“
Bis zu diesem historischen Beschluss 2017 hätten sie nicht gemeinsam adoptieren dürfen. Einer allein – ja. Gemeinsam – nein. Ein Umweg, der sich für sie nie richtig angefühlt hat. Endlich konnten sie den Weg gemeinsam gehen.

Ein Prozess, der alles offenlegt

Der Weg zur Adoption ist keiner, der nebenbei passiert. „Du machst dich komplett gläsern“, sagt Carlos. Kindheit, Familie, Beziehungen, Finanzen – alles wird offengelegt, hinterfragt, eingeordnet. Es gibt Hausbesuche, Gespräche und Seminare. „In dem Moment denkt man schon: Das ist ganz schön viel. Aber rückblickend ist es genau richtig.“ Ein Jahr dauert es, bis sie offiziell auf der Adoptionsliste stehen. Ein weiteres, bis das Telefon klingelt.

Von null auf hundert: eine Familie

Carlos ist gerade bei der Arbeit, als die Nummer des Jugendamtes auf seinem Display erscheint. „Ihr Sohn ist auf der Welt“, sagt die Stimme am anderen Ende. Beide lassen alles stehen und liegen, fahren ins Krankenhaus. Dort liegt ihr Sohn in den Armen der Betreuerin des Jugendamtes. „Es war einfach ganz viel Liebe. Sofort“, erinnert sich Carlos. „Er war von der ersten Sekunde an unser Sohn.“

Was dann passiert, lässt sich kaum beschreiben. „Wir hatten nichts“, sagt Carlos lächend. Kein Kinderzimmer, keine Erstausstattung – und zwar ganz bewusst nicht. Denn zu groß wäre all die Zeit die Erwartung gewesen, zu schwer das Warten zu ertragen.

Carlos bleibt mit Paul (Name geändert) noch zwei Tage im Krankenhaus. Als Vater und Kind nach Hause kommen, ist alles da: Bettchen, Wickeltisch, Kleidung, Windeln – organisiert von seinem Mann Simon, Familie und Freunden. Zu wissen, dass alle im Umfeld sämtliche Hebel in Bewegung gesetzt haben und sie zu Hause in ein gemachtes Familiennest kommen konnten, bewegt den 36-Jährigen noch heute. „Du gehst als Paar aus dem Haus und kommst als Familie zurück.“

Die Angst, die mitzieht

So groß das Glück auch ist, es gibt auch eine andere Seite. In Deutschland hat die leibliche Mutter nach der Geburt acht Wochen Zeit, ihre Entscheidung zu überdenken und diese auch rückgängig zu machen. Eine wichtige Regel und gleichzeitig eine, die für die Neueltern schwer auszuhalten war. „Du liebst dieses Kind ja nicht mit angezogener Handbremse“, sagt Carlos. „Das funktioniert nicht.“

Jeder Tag mit dem Baby ist ein bisschen Hoffnung und gleichzeitig viel Angst. „Diese Sorge hat mich an manchen Tagen richtig runtergezogen. Diese Wochen waren die schwierigste Zeit im ganzen Adoptions-Prozess.“ Erst danach beginnt das Adoptionspflegejahr. Am Ende steht der Termin vor dem Familiengericht und damit auch rechtlich das, was sich längst so anfühlt: Carlos, Simon und Paul sind jetzt eine Familie.

Ein neuer Alltag

Beide haben ihre Arbeitgeber früh in den Adoptionsprozess mit einbezogen. Mit dem Anruf war klar: Beide steigen erst einmal aus. „Von keiner Seite gab es Gegenwind“, sagt Carlos. Im Gegenteil: Sie erleben Unterstützung und Verständnis. Die Aufteilung danach finden sie als Familie. Einer nimmt zwei Jahre Elternzeit, der andere ist die ersten Wochen komplett zu Hause und reduziert anschließend seine Arbeitszeit. Zeit wird zum wichtigsten Gut.

Zwei Papas – ganz normal

Über Pauls Geschichte wird bei Carlos und Simon offen gesprochen. Von Anfang an, altersgerecht und ohne Geheimnisse. „Es sollte nie ein Tabuthema sein“, sagen sie. Paul weiß, dass zwei Männer kein Kind bekommen können, dass er eine leibliche Mama hat und dass er adoptiert ist – er hat Papa und Papi.
Fragen kommen oft in den ruhigsten Momenten, abends auf dem Sofa, wenn Zeit ist für Nähe. Dann wird erklärt, erzählt, manchmal auch gemeinsam gefühlt. Unterstützt werden sie dabei auch durch Kinderbücher wie „Zwei Papas für Tango“, die für sie eine ganz natürliche Brücke sind: „Über Geschichten lässt sich so vieles leichter begreifen.“ Es ist ihnen wichtig, ehrlich zu bleiben auch bei Dingen, die nicht leicht sind. Sie wissen einiges über Pauls Herkunft und das hilft ihnen, ihm Antworten zu geben, wenn er fragt, wem er ähnlich sieht oder wo seine Wurzeln liegen. Für Carlos und Simon ist klar: Es geht nicht darum, die perfekte Antwort zu haben, sondern darum, dass Paul immer das Gefühl hat, alles fragen zu dürfen. „Es soll nie ein Tabuthema geben“, sagt Carlos. Nicht immer ist das leicht, so Carlos.

Und wenn andere nachfragen …

Fragen von außen gehören für Carlos und Simon ganz selbstverständlich dazu – besonders im Kita-Alltag. „Kinder fragen einfach drauflos.“ Genau das schätzen beide sogar. Wenn andere Kinder wissen wollen, warum Paul zwei Papas hat, begegnen sie dem offen und ohne großes Drumherum. Für sie sind das keine unangenehmen Situationen, sondern Gelegenheiten, Dinge ganz normal zu erklären. Auch Paul selbst geht erstaunlich selbstverständlich damit um. Und vielleicht ist genau das der entscheidende Punkt: Weil zu Hause offen gesprochen wird, trägt Paul diese Selbstverständlichkeit nach außen. Gleichzeitig wissen Carlos und Simon, dass nicht jede Frage immer leicht sein wird – vor allem mit Blick auf die Schulzeit. Umso wichtiger ist es ihnen, ihren Sohn zu stärken, ihm Sicherheit zu geben und ihn darauf vorzubereiten, dass nicht alle Menschen gleich offen auf ihre Familienkonstellation reagieren. Negative Erfahrungen spielen in ihrem Alltag jedoch  so gut wie keine Rolle. Eine Situation ist Carlos im Kopf geblieben: ein fremder Mann am Strand gab einen blöden Kommentar gegenüber uns als Familie von sich. „In dem Moment war ich wütend“, sagt er. Diese Begegnung zeigt, dass Akzeptanz nicht überall selbstverständlich ist.

In der Rückbetrachtung

Der Weg war intensiv, manchmal nervenaufreibend, oft voller Fragen. Aber genau dieser Weg hat sie zu dem gemacht, was sie heute sind: Eine Familie, ein „reiner Männerhaushalt“, auf den sie mit Stolz blicken.

Was sie anderen mitgeben wollen: Für Paare, die über Adoption nachdenken, hat Carlos keine Anleitung. Aber: „Seid ehrlich zu euch selbst und habt Geduld.“ Und bezogen auf ihre Konstellation sagen sie: „Lasst euch nicht verunsichern, auch nicht als gleichgeschlechtliches Paar. Wir haben uns zu keiner Zeit benachteiligt gefühlt.“ Im Gegenteil: Sie fühlten sich gut begleitet, ernst genommen und bestärkt.

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