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Selbstvertrauen statt Schubladendenken


Warum „Ich kann das NOCH nicht“ so viel bewirken kann

Viele Kinder und Jugendliche ordnen sich schon früh als „Mathe-Typ“ oder „Sprach-Typ“ ein. Diese Selbsteinschätzung beeinflusst nicht nur ihre Motivation im Schulalltag, sondern oft auch die Wahl von Kursen, Studiengängen und späteren Berufen. Eine Studie* der Universität Bielefeld zeigt nun: Diese Selbstbilder sind keineswegs festgelegt, sondern können positiv beeinflusst werden. Im Interview erklärt Psychologe Prof. Dr. Fabian Wolff, wie akademische Selbstkonzepte entstehen und warum Eltern dabei eine wichtige Rolle spielen.

Was war der Beweggrund für die Studie?

Wir wissen aus der psychologischen Forschung, dass sogenannte akademische Selbstkonzepte – also die Einschätzung der eigenen Fähigkeiten in einzelnen Fächern – entscheidend dafür sind, wie motiviert Kinder und Jugendliche lernen und wie erfolgreich sie in der Schule sind. Akademische Selbstkonzepte entwickeln sich insbesondere durch Vergleiche – mit Mitschüler:innen, Leistungen in anderen Fächern oder früheren Leistungen.

Solche Vergleichsprozesse sind wissenschaftlich gut erforscht. Was bisher jedoch fehlte, waren praxisnahe Programme für den Unterricht, die diese Prozesse gezielt aufgreifen. Wir wollten deshalb wissen, ob sich akademische Selbstkonzepte durch eine wissenschaftlich fundierte Unterrichtseinheit stärken lassen, die gezielt Vergleichsprozesse thematisiert.

Waren Sie überrascht über das Ergebnis der Studie?
Ja, ein Stück weit schon. Natürlich hatten wir die Hoffnung, die Selbstkonzepte der Jugendlichen positiv beeinflussen zu können. Gleichzeitig wissen wir aus der Forschung, wie schwer es ist, Überzeugungen nachhaltig zu verändern. Dass bereits eine einzige 90-minütige Unterrichtseinheit messbare Verbesserungen bewirkte, hat uns daher schon etwas überrascht. Besonders ermutigend war für uns, dass diese Effekte nicht nur kurzfristig auftraten, sondern auch sechs Monate später noch messbar waren.

Viele Kinder sagen schon früh: „Ich kann kein Mathe“ oder „Sprachen liegen mir einfach nicht“. Ab welchem Alter beobachten Sie solche Selbstbilder?
Sie entstehen erstaunlich früh. Häufig sehen wir bereits ab der dritten Klasse, dass Kinder ihre Fähigkeiten in Mathe oder Deutsch deutlich unterschiedlich einschätzen. In diesem Alter bekommen sie in der Regel Noten und beginnen, ihre Leistungen bewusster zu vergleichen.

Dabei werden kleine Unterschiede oft größer gemacht als sie eigentlich sind. Eine etwas bessere Note in Deutsch kann schnell zu der Überzeugung führen: „Mathe liegt mir einfach nicht.“ Das ist problematisch, weil eine geringe Selbsteinschätzung Motivation, Anstrengungsbereitschaft und Ausdauer beeinträchtigen und sich so langfristig auf die Leistungsentwicklung auswirken kann.

Wie entstehen diese Zuschreibungen überhaupt? Sind es vor allem die Noten oder spielen auch Eltern, Lehrkräfte und Freund:innen eine Rolle?
Noten spielen eine wichtige Rolle. Entscheidend ist jedoch weniger die Note selbst als vielmehr, wie sie interpretiert wird.  Wird eine schlechte Note als Ausdruck mangelnder Begabung interpretiert, hat das ganz andere Folgen, als wenn die Note auf veränderbare Ursachen wie fehlende oder falsche Vorbereitung zurückgeführt wird.

Diese Interpretationen werden auch durch das soziale Umfeld geprägt. Rückmeldungen von Eltern, Lehrkräften und Gleichaltrigen beeinflussen, welche Erklärungen ein Kind für Erfolge oder Misserfolge findet. Ein Kommentar wie „Da hattest du aber Glück“ kann ungewollt vermitteln, dass ein Erfolg nur Zufall war. Aussagen, die Entwicklungsmöglichkeiten betonen, stärken dagegen langfristig das Vertrauen in die eigene Lernfähigkeit.

Warum kann es problematisch sein, wenn sich Kinder als „Mathe-Typ“ oder „Sprach-Typ“ einordnen?
Solche Etiketten sind problematisch, weil sie Leistungsunterschiede zwischen Fächern oft größer erscheinen lassen als sie tatsächlich sind. Reale Leistungsunterschiede sind häufig relativ klein und werden durch Vergleiche zwischen Fächern überbetont. Hinzu kommt eine sich selbst verstärkende Dynamik: Wer sich als „Mathe-Typ“ oder „Sprach-Typ“ sieht, investiert häufig weniger Anstrengung in das vermeintlich schwächere Fach. In der Folge können Motivation und Ausdauer sinken, tatsächliche Leistungsunterschiede sich somit vergrößern und die Selbstzuschreibung als „Mathe-Typ“ oder „Sprach-Typ“ sich weiter stabilisieren.

In Ihrer aktuellen Studie konnten Sie zeigen, dass solche Selbstbilder veränderbar sind. Wie sind Sie vorgegangen?
Wir haben eine 90-minütige Unterrichtseinheit entwickelt, in der Jugendliche lernten, wie Vergleichsprozesse ihre Selbstkonzepte beeinflussen. Mithilfe von kurzen wissenschaftlichen Impulsen, Reflexionsübungen und Diskussionen hinterfragten sie ihre eigenen Denkmuster. Zentraler Bestandteil war die Korrektur zweier verbreiteter Fehlannahmen: Erstens, dass sich sprachliche und mathematische Begabungen ausschließen. Und zweitens, dass Fähigkeiten weitgehend angeboren und kaum veränderbar seien.

Untersucht haben wir das Ganze mit Jugendlichen der Klassen 9 bis 11. Dabei zeigte sich, dass sich durch die Intervention sowohl das Mathe- als auch das Englisch-Selbstkonzept verbessern ließ.

Bemerkenswert ist, dass die positiven Effekte auch sechs Monate später noch messbar waren. Warum wirken diese Impulse Ihrer Meinung nach so nachhaltig?
Wir haben nicht nur einzelne Einstellungen verändert, sondern grundlegende Überzeugungen über Fähigkeiten. Da die Jugendlichen eigene Erfahrungen reflektierten und konkrete Handlungsschritte planten, konnten sich die neuen Überzeugungen im Alltag weiter stabilisieren.

Wer versteht, dass eine Stärke in Deutsch nicht automatisch eine Schwäche in Mathe bedeutet, bewertet eigene Leistungsunterschiede differenzierter. Und wer erkennt, dass Fähigkeiten entwickelbar sind, erlebt Misserfolge weniger als Beweis mangelnder Begabung, sondern eher als Hinweis, Strategie oder Einsatz anzupassen.

Welche Folgen kann ein negatives Selbstbild langfristig haben, etwa bei der Wahl von Schulfächern oder später sogar im Berufsleben?

Das akademische Selbstkonzept beeinflusst wichtige Bildungsentscheidungen. Jugendliche wählen eher Fächer, Kurse oder Studiengänge, in denen sie sich Erfolge zutrauen. Das Problem: Diese Selbsteinschätzungen entsprechen nicht immer den objektiven Leistungen. Bildungswege können dadurch stärker von subjektiven Überzeugungen als von tatsächlichen Kompetenzen bestimmt werden.

Viele Eltern möchten ihre Kinder ermutigen. Was können sie konkret tun, wenn ein Kind sagt: „Das kann ich sowieso nicht“?

Hilfreich kann es sein, aus „Das kann ich sowieso nicht“ ein „Das kann ich NOCH nicht“ zu machen. Dieses kleine Wort signalisiert, dass Fähigkeiten entwickelbar sind. Außerdem lohnt es sich, gemeinsam nach veränderbaren Ursachen für Misserfolge zu suchen – wie eine falsche Lernstrategie, mangelnde Vorbereitung oder Nervosität. Entscheidend ist die Botschaft: Ich traue dir zu, dass du das lernen kannst.

Gibt es Sätze, die Eltern lieber vermeiden sollten? (Z. B. „Ich war auch immer schlecht in Mathe“ oder „Unsere Familie ist einfach nicht technisch begabt“)

Ja. Solche Aussagen können unbeabsichtigt den Eindruck vermitteln, Fähigkeiten seien angeboren und unveränderlich. Hilfreicher sind Formulierungen, die Entwicklung betonen wie: „Mathe fiel mir früher auch schwer, aber mit Übung wurde es besser.“ Wichtig ist die Botschaft, dass Lernen möglich ist und Fähigkeiten wachsen können.

Welche Rolle spielt es, Kindern zu vermitteln, dass Fähigkeiten trainierbar sind?

Es stärkt das Vertrauen, durch eigenes Handeln Fortschritte erzielen zu können. Rückschläge bedeuten dann nicht „Ich kann das nicht“, sondern eher: „Ich habe es noch nicht verstanden – ich brauche eine andere Strategie oder mehr Übung.“ Eltern können diese Haltung im Alltag fördern, indem sie Fortschritte sichtbar machen und belegen, dass sich Üben auszahlt.

Sie übertragen die Intervention derzeit auf Grundschulen. Was erhoffen Sie sich von der neuen Studie?
Wir möchten prüfen, ob sich die Ergebnisse aus der Sekundarstufe auf die Grundschule übertragen lassen. Konkret interessiert uns, ob es gelingt, die Deutsch- und Mathe-Selbstkonzepte von Viertklässler:innen nachhaltig zu stärken. Gerade am Ende der Grundschule stehen wichtige Entscheidungen an. Ein stabiles Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten könnte die weitere Lernentwicklung positiv beeinflussen.

Begegnen Ihnen auch bei Grundschulkindern schon feste Überzeugungen wie „Ich bin nicht gut in Mathe“? Warum ist es wichtig, bereits in diesem Alter anzusetzen?
Ja, solche Aussagen hören wir durchaus schon in der dritten oder vierten Klasse. Manche Kinder entwickeln bereits in diesem Alter die Vorstellung, eher ein „Mathe-Typ“ oder „Sprach-Typ“ zu sein.

Gerade deshalb ist frühes Handeln wichtig. Selbstbilder befinden sich im Grundschulalter noch im Aufbau und sind weniger verfestigt als in der Sekundarstufe. Das eröffnet eine große Chance: Je früher wir ansetzen, desto leichter lassen sich einseitige oder vorschnelle Zuschreibungen korrigieren.

Wenn Eltern aus diesem Interview nur eine Botschaft mitnehmen sollen: Welche wäre das?
Das Selbstbild eines Kindes ist formbar – und Eltern prägen es jeden Tag mit. Kinder entwickeln ihr akademisches Selbstkonzept nicht nur durch Noten, sondern vor allem durch die Art und Weise, wie über Leistungen gesprochen wird. Wenn Eltern vermitteln, dass Fähigkeiten entwickelbar sind, dass sich Anstrengung auszahlt und dass Rückschläge kein Urteil über Begabung darstellen, stärken sie langfristig die Motivation und Ausdauer ihrer Kinder.

Bielefelder COMPASS-Intervention

Viele Jugendliche halten sich in der Schule entweder für einen „Mathe-Typ“ oder einen „Sprach-Typ“. Solche Selbsteinschätzungen beeinflussen nicht nur die Motivation im Unterricht, sondern oft auch spätere Bildungs- und Berufsentscheidungen. Im Projekt COMPASS an der Universität Bielefeld untersuchen Professor Dr. Fabian Wolff von der Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaft und sein Team, wie solche Selbstbilder entstehen und wie sie sich verändern lassen. An den Studien zur Entwicklung der COMPASS-Intervention nahmen Jugendliche der Klassen 9 bis 11 teil.

Grundschulen für Studie gesucht!

Die Universität Bielefeld sucht derzeit vierte Klassen an Grundschulen in OWL, die an der neuen Studie teilnehmen möchten. Untersucht wird, ob sich das Vertrauen von Kindern in die eigenen Fähigkeiten bereits in der Grundschule durch eine Intervention, die Vergleichsprozesse thematisiert, stärken lässt. Die teilnehmenden Klassen erhalten zwei Unterrichtseinheiten zu den Themen Selbstkonzept und Achtsamkeit. Zusätzlich erhält jede teilnehmende Klasse eine Aufwandsentschädigung von 100 Euro für die Klassenkasse.

Interessierte Lehrkräfte und Schulleitungen können sich an die Projektkoordinatorin Marie Wallraff wenden: marie.wallraff@uni-bielefeld.de.

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