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Familie
„Die Prävention muss ganz früh anfangen“
Adipositas bei Kindern – die Rolle von Genen, Ernährung und Bewegung und warum die ersten zehn Lebensjahre entscheidend sind.
Adipositas ist eine krankhafte Vermehrung des Körperfetts und damit mehr als lediglich ein paar Kilo zu viel auf der Waage. Bei Kindern und Jugendlichen ist das Thema längst kein Randphänomen mehr. Gleichzeitig warnt Dr. Norbert Jorch (Foto), Oberarzt für Endokrinologie und Diabetologie am Evangelischen Klinikum Bethel, davor, betroffene Kinder und Familien vorschnell auf ihr Essverhalten zu reduzieren. Im Gespräch mit milkids erklärt er, warum der Energiebedarf von Mensch zu Mensch unterschiedlich ist, wie Gene und frühe Prägungen eine Rolle spielen, wie sich die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen entscheidend verändert hat und warum die Prävention bereits im Kleinkindalter beginnen muss.
Wie groß ist das Problem der Adipositas bei Kindern und Jugendlichen aktuell?
Etwa jedes sechste Kind hat Übergewicht oder Adipositas. Und innerhalb dieser Gruppe verschiebt sich das Bild gerade in eine falsche Richtung: Es gibt mehr Kinder mit Adipositas und extremer Adipositas.
Was ist der Unterschied zwischen Übergewicht, Adipositas und extremer Adipositas?

Die Einordnung erfolgt über den Body-Mass-Index, kurz BMI. Bei Erwachsenen liegt die Grenze für Adipositas ungefähr bei einem BMI von 30. Bei Kindern und Jugendlichen passt sich diese Kennzahl dem Alter an, weil sich Körpergröße und -proportionen während des Wachstums ständig verändern.
Deshalb wird der BMI bei ihnen immer mit Gleichaltrigen verglichen – den sogenannten BMI-Perzentilen (Perzentil = ein Schwellenwert, der angibt, wie viel Prozent einer Gruppe unter oder auf einem bestimmten Wert liegen). Oberhalb der 90. Perzentile spricht man von Übergewicht, oberhalb der 97. Perzentile von Adipositas und über der 99,5. Perzentile von extremer Adipositas.
Wird Adipositas schon sehr früh im Leben geprägt?
Ja. Es gibt mehrere Faktoren. Ein wichtiger Punkt ist die genetische Herkunft. Die Vorstellung, dass alle Menschen mit Übergewicht einfach unendlich viel essen, stimmt nicht. Grundumsatz und Energiebedarf unterscheiden sich erheblich. Es gibt Menschen, die sehr viel essen können, ohne dick zu werden, während andere deutlich schneller zunehmen. Aber das Risiko einer Adipositas für ein Kind ist sehr hoch, wenn eines oder beide Elternteile sehr stark übergewichtig sind.
Zu den genetischen Faktoren kommen sogenannte epigenetische Faktoren*. So können die Ernährung und das Gewicht der Mutter vor und in der Schwangerschaft eine Rolle spielen. Beides steht mit einer erhöhten Rate von Adipositas beim Kind in Zusammenhang.
Die spätere Gewichtsentwicklung beim Kind kann sehr früh, sogar pränatal schon geprägt werden. Die Bedingungen, unter denen ein Kind heranwächst, können Einfluss nehmen, wie sich sein Gewicht weiterentwickelt.
© kwanchaichaiudom/AdobeStockWelche Rolle spielt die frühe Kindheit?
Eine sehr große. Die Anzahl der Fettzellen wird bereits im Kleinkindalter festgelegt, während sich ihre Größe später noch verändern kann.
Man kann von einem „Fettgedächtnis“ sprechen. Sind Kinder schon im Kleinkindalter etwas moppelig, merkt sich das der Körper. Deshalb müsste auch bereits bei Kleinkindern und Grundschulkindern die Prävention ansetzen. Wachsen Kinder bis zum zehnten Lebensjahr mit normalem Gewicht auf, werden sie später viel weniger Gewichts- und Gesundheitsprobleme haben.
Welche Faktoren begünstigen Adipositas heute?
Der heutige Lifestyle ist ein großes Thema. Die natürliche Bewegung ist deutlich weniger geworden. Früher mussten wir rausgehen, um am Leben teilzunehmen. Heute muss man ins Netz, um das Leben nicht zu verpassen. Ein Jugendlicher kann die Welt erkunden, ohne sein Zimmer zu verlassen. Und der Kontakt mit den Endgeräten beginnt ja schon ganz früh.
Bei der Gewichtsreduktion ist die Ernährung entscheidend. Sie beeinflusst das Körpergewicht zu etwa 85 Prozent, Bewegung zu etwa 15 Prozent. Entscheidend ist dabei aber nicht allein, wie viel ein Kind isst, sondern auch, was es isst.
Unser heutiges Lebensmittelangebot macht es zudem leicht, auf stark verarbeitete Lebensmittel zurückzugreifen. Sie enthalten häufig viel Fett und Zucker, während gleichzeitig wichtige Bestandteile wie Ballaststoffe, Gemüse und Obst zu kurz kommen.
Hinzu kommt, dass Lebensmittel mit viel Fett und Zucker häufig sehr preiswert sind. Deshalb halte ich die Idee für sinnvoll, solche Lebensmittel stärker zu besteuern und gesunde Lebensmittel steuerlich zu entlasten. Auch Zuckerersatzstoffe sollte man nicht völlig aus dem Blick verlieren. Denn sie können den Körper weiterhin auf „süß“ einstellen und den Wunsch nach mehr Süßem aufrechterhalten.
Haben Kinder mit Adipositas kein Sättigungsgefühl?
Das trifft nur auf eine sehr kleine Gruppe zu. Bei etwa ein bis zwei Prozent der extrem adipösen Kinder gibt es tatsächlich Formen mit einem ausgeprägten, suchtartigen Essverlangen, einer sogenannten Hyperphagie. Diese Kinder werden nicht richtig satt. Bei der großen Mehrheit der Kinder mit Adipositas ist es aber falsch, einfach zu sagen: Sie essen zu viel.
Welche Rolle spielt Bewegung?
Wir müssen dafür sorgen, dass natürliche Bewegung im Leben bleibt. Wege sollten möglichst zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückgelegt werden. Auch Schulwege sollten körperliche Bewegung ermöglichen. Kinder sollten ein „normales“ Fahrrad haben und nicht alles motorisiert zurücklegen. Es geht auch um kleine Routinen: Treppen statt Aufzug nehmen macht schon einen Unterschied.
Auch an Schulen müsste deutlich mehr passieren: Mindestens ein bis zwei Stunden körperliche Bewegung am Tag wären sinnvoll. In einigen asiatischen Ländern gibt es Bewegungspausen. Bei uns wird der Sportunterricht eher stiefmütterlich behandelt.
Welche gesundheitlichen Folgen kann Adipositas bereits bei Kindern haben?
Adipöse Menschen haben häufiger eine Insulinresistenz und können bereits einen Typ-2-Diabetes entwickeln. Fettstoffwechsel und Gefäße werden ebenso belastet wie der Bewegungsapparat durch das zusätzliche Gewicht. Langfristig steigt das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und andere Folgeerkrankungen.
Und nicht zu unterschätzen sind die psychischen und sozialen Folgen wie depressive Verhaltensstörungen, Ausgrenzung und Diskriminierung. Wir leben in einer Gesellschaft, die sehr auf Äußerlichkeiten achtet und teilweise falsche Schönheitsideale vermittelt. Das kann für betroffene Kinder und Jugendliche besonders belastend sein. Die Benachteiligung kann sogar über die Schule hinausgehen. Auch bei Bewerbungen und im Berufsleben können Menschen mit Adipositas Nachteile erleiden.
Wie sieht eine erfolgreiche Behandlung aus?
Ist ein Kind bereits adipös, ist die Behandlung komplex. Sinnvoll ist ein multimodales Konzept mit Ernährungsberatung, Bewegung beziehungsweise Physiotherapie, Verhaltenstherapie und psychologische Begleitung sowie medizinischer Betreuung.
Hier sind ambulante Angebote besonders wichtig, weil sie besser in den Alltag der Familien eingebettet werden können. Stationäre Reha-Programme haben ebenfalls ihren Stellenwert. Allerdings sind die Erfahrungen mit solchen Programmen unterschiedlich.
Wann kommen Medikamente infrage?
Medikamente wie GLP-1-Analoga werden im Normalfall nicht verabreicht. Sie können aber bei extrem adipösen Jugendlichen eine Rolle spielen, aber immer kombiniert mit Veränderungen des Lebensstils.
Dabei stellt sich eine soziale Frage: Wenn solche Medikamente mehrere hundert Euro im Monat kosten, können sich das nicht alle Familien leisten. Das schafft eine Ungleichheit bei den Behandlungsmöglichkeiten.
Wann kommt eine Operation infrage?
Bei den wirklich schwersten Fällen ist sie tatsächlich die wirksamste Maßnahme, die wir im spätem Jugendalter zur Verfügung haben. Ein solcher Eingriff bei Jugendlichen sollte aber wirklich erst dann erfolgen, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Es braucht ein sehr gutes Setting, psychologische Begleitung und ein funktionierendes Familienumfeld. Mit der Operation allein ist es nicht getan.
Was müsste sich aus Ihrer Sicht dringend verändern?
Mir wird heutzutage viel zu viel über Therapie geredet. Die Prävention ist viel wichtiger und die muss sehr früh anfangen. Wir müssen die ersten zehn Lebensjahre viel stärker in den Blick nehmen. Wenn es gelingt, Kinder bis zur weiterführenden Schule mit einem normalen Gewicht aufwachsen zu lassen, wird es später deutlich weniger Probleme geben.
Dafür braucht es mehr Bewegung, gesunde Ernährung und ein stärkeres Gesundheitsbewusstsein.
Epigenetische Faktoren sind Einflüsse, die bestimmen, welche unserer Gene ein- oder ausgeschaltet werden, ohne den eigentlichen genetischen Code (die DNA-Sequenz) zu verändern.
Man kann sich die Genetik wie eine riesige Klaviertastatur vorstellen: Die Tasten (die Gene) sind bei allen Menschen im Grunde dieselben. Die epigenetischen Faktoren sind wie der Pianist, der entscheidet, welche Tasten angeschlagen werden und welche stumm bleiben.
Tipps für Eltern
„Der Teller wird aufgegessen!“ Diese alte Regel ist überholt. Kinder sollten lernen, auf ihr eigenes Hunger- und Sättigungsgefühl zu hören. Also lieber selbst entscheiden lassen, wann genug ist, statt zum Aufessen zu drängen.
Auch beim Thema Süßigkeiten hilft ein entspannter, aber klarer Rahmen. Gerade jüngere Kinder können der Versuchung kaum widerstehen, wenn Schokolade & Co. ständig griffbereit sind. Was nicht zu Hause ist, kann nicht gegessen werden.
Gemeinsam statt nebenbei: Regelmäßige Mahlzeiten und gemeinsame Essenszeiten können helfen, ein gutes Gefühl für Hunger, Sättigung und Genuss zu entwickeln.
Bewegung sollte Spaß machen: Es muss nicht immer Sportverein oder Trainingsprogramm sein. Fahrradfahren, Toben auf dem Spielplatz, Tanzen im Wohnzimmer oder ein Spaziergang mit der Familie – Hauptsache, Bewegung gehört ganz selbstverständlich zum Alltag und macht Freude.
Und wichtig: Übergewicht bei Kindern ist keine Frage von Schuld oder mangelnder Erziehung. Neben dem familiären Essverhalten spielen auch Gene, Lebensumstände, Geld, Kultur und unsere gesamte Umwelt eine Rolle. Eltern können nicht alle Faktoren beeinflussen, aber sie können ihrem Kind dabei helfen, früh einen guten und entspannten Umgang mit Essen und Bewegung zu entwickeln.



