Wenn die Zunge turnt

Sprechauffälligkeiten können mit Hilfe der Logopädie behandelt werden

Die Eltern mussten zunächst schmunzeln, als Kim ganz niedlich von Chuchi erzählte. Chuchi heißt eigentlich Susi und ist Kims Kindergartenfreundin. „Es hörte sich so an, als ob sie zu viel Spuke im Mund hat“, beschreibt Mutter Petra. Die S-Laute klangen bei ihr anders als normal: „weißt du“ klang so wie „weichst du.“ Sie holte sich Rat beim Kinderarzt. „Wenn Eltern unsicher sind, ob die Artikulation ihres Kindes altersgemäß entwickelt ist, sollten sie mit ihrem Kinderarzt darüber sprechen“, rät Sonja Utikal vom Deutschen Bundesverband für Logopädie. Auf seine Entscheidung hin erfolgt eine Verordnung zur logopädischen Therapie. Diese schließt eine ausführliche Diagnostik ein und beinhaltet neben der genauen Untersuchung der Aussprache auch eine Beratung der Eltern. „Denn nicht jede Auffälligkeit ist bereits ein Zeichen für eine Störung“, erklärt die Logopädin.

Der Akt des Sprechens ist hochkomplex. Allein 120 verschiedene Muskelgruppen wirken dabei mit, werden miteinander koordiniert. Eine wichtige Rolle spielt dabei ein ganz bestimmter Muskel: die Zunge. Und die geht manchmal ihre ganz eigenen Wege, was zu Sprechstörungen führt. Bei Kindern wird zwischen Störungen der Lautbildung, wie zum Beispiel dem Lispeln, und Störungen des Redeflusses, wie zum Beispiel dem Stottern, unterschieden.

Störungen der Artikulation

Bei Artikulationsstörungen entspricht die Bildung eines oder mehrerer Laute nicht dem Standardmuster einer Sprache, er  wird falsch gebildet. Betroffene Kinder verstehen Sprache einwandfrei, finden auch die richtigen Worte, aber es hapert an der Aussprache oder Bildung von Lauten. Am häufigsten sind im Deutschen die Zischlaute davon betroffen. Utikal: „Die bekannteste Form ist das Lispeln. Aber auch der Luftaustritt über die Seiten der Zunge, sogenannte laterale Zischlautbildungen, wie im Beispiel von Kim, zählen zu dieser Art der Lautfehlbildungen.“
Artikulationsstörungen finden sich relativ häufig bei Kindern im Spracherwerb. Der Kinderarzt stellt fest, ob es sich um eine  Abweichung von der normalen Entwicklung handelt, die behandelt werden muss. Er verordnet dann im Bedarfsfall eine logopädische Therapie an. In einer ausführlichen Anamnese und logopädischen Diagnostik mit Test- und Screeningverfahren sowie der Untersuchung der Sprache (Spontansprache) in Spielsituationen werden die Fähigkeiten der Lautbildung bei den Kindern ganz individuell geprüft.  Auch die Hör- und Wahrnehmungsfähigkeit bei der Lautunterscheidung müssen genau überprüft werden, um andere Ausspracheprobleme  auszuschließen.
Liegen Auffälligkeiten vor, die lediglich auf eine falsche „Zungengewohnheit“ zurückzuführen sind (z.B. Lispeln), kann es notwendig sein, den Zungenmuskel vorab ohne Sprache zu trainieren. „In spielerischer Form etwa tritt die Zunge mit Übungen im „Zungenzirkus“ auf und „turnt“ dann bestimmte Bewegungen als Vorbereitung auf die Lautproduktion.“ Beim Artikulationstraining wird dann mit den Kindern geübt, zunächst einmal zu spüren, wo die Luft bei ihnen im Mund entlang strömt und dann die entsprechenden Artikulationsstellen für die Laute richtig wahrzunehmen. Wo sitzt die Zunge richtig für das „s“ oder „sch“? Und wie klingt es richtig? Das wird mit den Logopäden geübt.

Was zunächst auf der Lautebene beginnt, wird dann nach und nach in Silben, Wörtern, Sätzen und auf Textebene gesteigert und geübt.  „Das ist durchaus anstrengend für das Kind, da es hierfür beim Sprechen viel Konzentration auf die eigene Sprachproduktion lenken muss.“ Die gesamte Therapie erfolgt spielerisch, um die Motivation zur Verbesserung der Artikulation zu erhalten.

Störungen des Redeflusses

Störungen des Redeflusses können in Form von Stottern oder Poltern vorliegen. Ein stotterndes Kind, so Utikal, habe es einmal treffend beschrieben: „Mein Mund hüpft.“ Entgegen vielen Vorurteilen sei Stottern keine Frage von Intelligenz. „Die Kinder wissen genau, was sie sagen wollen. Der Satz liegt sozusagen „abholbereit“ im Kopf vor, doch die Sprechmuskeln versagen ihren Dienst. Sie arbeiten nicht zusammen, sondern gegeneinander.“ Eine der möglichen Ursachen fürs Stottern wird auf neuronaler Ebene vermutet. Die Folge: Es  kommt zu unfreiwilligen Wiederholungen von Lauten und Silben ("Babababall") sowie zu Dehnungen ("Iiiigel“) oder Blockierungen von Lauten.

Beim sogenannten Poltern ist die Verständlichkeit durch ein unkontrolliertes Sprechtempo mit Auslassungen und Verschmelzungen von Lauten, Silben oder Wörtern (aus „zum Beispiel“ wird „Zeispiel“) beeinträchtigt. Die Stimme überschlägt sich. Außerdem treten viele Satzabbrüche, Umformulierungen und stotterähnliche Symptome auf. Aber nicht jede Sprechunflüssigkeit sei gleichzusetzen mit einer Störung, so Sonja Utikal: „80 Prozent der Kinder zeigen im Vorschulalter alterstypische Sprechunflüssigkeiten.“ Sie rät den Eltern, im Zweifel sich immer an den Kinderarzt zu wenden.

Susanne Esser
 

Was Eltern tun können:

  • Das Kind in Absprache mit dem Therapeuten unterstützen.
  • Sie sollten Sprechvorbild sein
  • Auf den Inhalt des Gesagten eingehen und nicht die Form. Einwände hemmen die Sprechfreude
  • Besser korrigierende Rückmeldung durch  Wiederholung in richtiger Form

Weitere Informationen unter:  www.dbl-ev.de