Plädoyer fürs Spielen

Es ist für die Entwicklung von Kindern enorm wichtig, denn es macht sie fit fürs Leben

Weihnachten steht vor der Tür. Naturgemäß werden die Fragen nach Geschenken in der Familie mehr. „Was wünscht sich Marie? Womit kann ich ihr eine Freude machen?“  Weihnachten ist der Umsatzbringer für die Spielwarenindustrie schlechthin. Spielsachen stehen auf den Wunschzetteln von Kindern ganz, ganz weit oben.

Jetzt sind Eltern enorm gefordert und nicht selten geraten sie in ein Dilemma. Zum einen müssen sie ihre Kinder bei der riesigen Auswahl beraten und andererseits zwischen ihren eigenen Erziehungsvorstellungen und den Wünschen der Kinder abwägen.

Spielzeuge sind begehrt, Spielzeuge sind auch wichtig. Aber sie sind nur Mittel zum Zweck. Denn es geht immer um das Spiel der Kinder. Erst das Kind weist ihm eine Rolle zu und erweckt es zum Leben. Spielsachen dienen lediglich als Futter für die selbstmotivierte Betätigung. „Die Vorstellungen von Spiel gehen bei Eltern und Kindern auseinander. Eltern möchten heute häufig die kognitive Entwicklung mit unterschiedlichen Spielangeboten fördern. Kinder dagegen möchten sich ausprobieren. Das ist eine ganz andere Zielsetzung“, sagt Professor Heike M. Buhl von der Universität Paderborn.

Kinder sammeln im Spiel grundlegende Erfahrungen, die sie im Alltag nutzen können. Sie lernen kooperativ handeln, kreative Ideen entwickeln in „Als ob-Spielen“, sich konzentrieren, zuhören, mit Sieg und Niederlage bei „Mensch ärgere dich nicht“ umgehen und sich an bestimmte Regeln halten. Ganz nebenbei schulen sie Gedächtnis, logisches Denken und Fantasie. Einem Ast, einer Papierrolle oder einem Handschuh wird in sogenannten „Als-ob-Spielen“ eine neue Rolle zugewiesen.  Mit zunehmendem Alter und größerem kognitiven Verständnis kommen neue Spielvarianten hinzu. „Beim Würfelspiel lernen Kinder nicht nur, wann sie an der Reihe sind, sondern erfahren gleichzeitig auch mathematisches Grundverständnis“, erklärt Buhl, die zur pädagogischen Psychologie und Entwicklungspsychologie forscht.

Es gibt für Kinder eigentlich keine bessere Förderung, als ihnen von klein an genügend Zeit und Raum zum Spielen zu geben. Kinder lernen nicht nur „spielend leicht“, sondern das Spielen ist auch ihre Art zu lernen. Die Bundeszentrale für gesundheitliche

Aufklärung sagt: Im Spiel suchen sich Kinder die Anregungen, die sie gerade für ihre Entwicklung brauchen. Sie machen sich vertraut mit alltäglichen Gegenständen, wie sie beschaffen sind und worin sie sich unterscheiden und entwickeln so eine immer bessere Vorstellung von ihnen. Spielend üben sie ihre motorischen Fähigkeiten, lernen neue Kompetenzen hinzu und wissen ihre Hände und Finger immer geschickter zu gebrauchen. Das liebste Spielobjekt sind bei den ganz Kleinen die Hände. „Ein Kind liegt unter dem Trapez und greift nach einem Glöckchen, das dann läutet. Sie lernen über Trial and Error die Welt kennen, finden heraus, wie Dinge funktionieren, wozu sie zu gebrauchen sind und welchen Sinn sie haben“, so die Paderborner Psychologin. Kinder  interessieren sich für Gegenstände des Alltags und erobern mit zunehmendem Alter spielerisch den Raum. Sie spielen mit Sand, stapeln Dinge und dann ahmen sie nach.

Und sind bei ihrem Spiel - sei es  „Vater, Mutter, Kind“ oder mit Bausteinen - voller Hingabe bei der Sache. Kinder erleben beim Spielen aufregende, fantasievolle und kreative Momente. Sie lernen, sich in andere Personen hineinzuversetzen. Spielen bedeutet für Kinder nicht immer nur das Spielen mit Spielzeug, es bedeutet auch Gespräch, Interaktion und Agieren mit Anderen, aber eben auch die Auseinandersetzung mit sich selbst. Sie sind ihr eigener Baumeister. 

Schon Friedrich Wilhelm August Fröbel, der 1840 den ersten Kindergarten gründete, wusste: Die Quelle alles Guten liegt im Spiel. Doch Experten sehen auch mit Sorge, dass dem Spiel nicht mehr die Bedeutung beigemessen wird, die es verdient. Es habe, so der Sozialpädagoge Dr. Armin Krenz, immer mehr an Wert verloren, weil es nach Einschätzung vieler Erwachsener keine hohe Lernbedeutung für Kinder besitze. Jan van Gils, Präsident der Internationalen Gesellschaft für Spiel, beklagt: „Allzu oft wird Spiel als ein Zeitvertreib betrachtet, um Kinder ruhig zu halten, bis sie erwachsen sind. Allzu oft wird das Spiel auch als ein Bildungswerkzeug angesehen. Aber nur selten ist man sich der Tatsache bewusst, dass Kinder beim Spielen für das Leben lernen.“ Hans Scheuerl, einer der Pioniere der Spielforschung, formuliert es so: „Spielen und Spiele ist ein so unersetzliches Erfahrungs- und Erlebnisfeld, ohne das wir alle ärmer wären.“

Kinder bringen eine große Neugierde mit und entdecken Dinge, die sich bewegen, anfassen lassen, die Geräusche verursachen. Daraus entstehen Spielhandlungen. Und dabei eignen sich Kinder ganz spielerisch und nebenbei Wissen an. Spielen heißt letztendlich Lernen und das gerne in Gemeinschaft und mit Unterstützung von Erziehern und Eltern, ohne dass zu sehr korrigierend eingegriffen wird. Erwachsene sind hilfreich, denn sie liefern Erfahrungsmöglichkeiten, sie sind das „Publikum“, dem ihr Kind stolz seine Ideen präsentiert, mal geben sie auch Anregung, mal sind sie auch willkommene Mitspieler - vorausgesetzt, sie lassen sich von den Ideen anstecken und begeben sich auf Augenhöhe.                                                                                                                                                                                                                                   Susanne Esser  

Tipps zum Spielzeugkauf

Manche Kinderzimmer gleichen einem Spielzeugladen. Eltern, Großeltern meinen es oft gut und kaufen neues Spielzeug, um das Kind anzuregen, zu fördern, ihm eine Freude zu machen. Was sollten die Erwachsenen beim Kauf berücksichtigen?

Wofür interessiert sich das Kind gerade, was macht ihm besonderen Spaß? Eltern sollten vermeiden, ein Spielzeug „zu früh“ zu schenken, das heißt, bevor das Kind damit wirklich etwas anfangen kann. Misserfolg beim Spielen und Enttäuschung trüben die Spielfreude.

Je nach Alter des Kindes kann bereits vorhandenes Spielzeug sinnvoll ergänzt werden, (neue Elemente zum Baumaterial, ein neues Kleid für die Puppe). Gibt das Spielzeug ganz bestimmte Verwendungsweisen vor oder macht es das Kind zum passiven Zuschauer (weil es nur angeschaltet oder aufgezogen werden muss), verlieren Kinder meist schnell das Interesse. Spielzeug, das vielseitig und auf immer wieder neue Art verwendet und ergänzt werden kann wie zum Beispiel Bausteine, setzt der Fantasie und Spielfreude kaum Grenzen.

Erwachsene sollten beim Kauf auf Material und Verarbeitung des Spielzeugs achten, wenn es über eine längere Altersspanne hinweg im Einsatz ist. Mädchen wie Jungen sollte gleichberechtigt Spiele und Spielzeug zur Auswahl stehen und nicht von den Großen festgelegt werden, was und womit das Kind zu spielen hat. Problematisch ist nie das Spielverhalten, sondern allenfalls die Reaktion oder Bewertung.

Quelle: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung