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Von Fremden zu Freunden

Augustin Kwamo-Kamdem über Familie, Freundschaft und natürlich Fußball

Enkel und Opa wollten vor kurzem ein Fußballturnier besuchen, doch der Junge maulte: „Mit Opi dauert das immer so lange.“ Der Opi heißt Augustin Kwamo-Kamdem, und bei unserem Treffen auf der Bielefelder Hartalm wird schnell klar, was Enkel Jérôme meint:

Kwamo-Kamdem war mehr als 30 Jahre lang Jugendtrainer bei Arminia, jeder hier kennt ihn, ständig wird er angesprochen. Männer grüßen, am Spielfeldrand winken Eltern und natürlich wechselt der 62-Jährige mit jedem ein paar freundliche Worte. Einfach vorbeigehen, das ist seine Art nicht. Menschen sind ihm wichtig, dafür nimmt er sich Zeit - auch wenn's etwas länger dauert. 

Dass Kwamo-Kamdem so offen auf andere zugehen kann, macht ihn beliebt und kam ihm auch als Coach zugute. Tausende Kinder und Jugendliche hat er bei Arminia Bielefeld trainiert, einige Spieler sogar bis zur Bundesligareife begleitet. „Für mich war er eine Art Ersatzvater. Man kann sich immer auf ihn verlassen“, sagt einer seiner Schüler, der heute selbst Trainier ist. Ehrlich, loyal, hilfsbereit sei er. Ein echter Freund eben. Und so nennen ihn viele bei Arminia auch nur „mon ami“. Kwamo-Kamdem, der in Kamerun geboren wurde und fließend Französisch spricht, hört das gerne, zumal er zu Frankreich eine besondere Beziehung hat. Verwandte und Freunde leben dort, regelmäßig fuhr er mit Jugendmannschaften zu Turnieren nach Paris - die Stadt, in der er auch seine große Liebe fand.

Das war Mitte der 1970-er Jahre. Seine Eltern hatten ihn zur Ausbildung als Modedesigner nach Paris geschickt. Dabei verliebte er sich in Studentin Andrea aus Bielefeld. Nach der Heirat, als das erste Kind unterwegs war, zog er 1980 in ihre deutsche Heimat. Augustin Kwamo-Kamdem sprach damals kein Wort Deutsch, aber er integrierte sich schnell, fand Arbeit als CNC-Programmierer bei der Firma Jofo Fortmeier in Schloß Holte-Stukenbrock („Dieser Familie verdanke ich unglaublich viel.“), gründete eine Betriebs-Fußballmannschaft und kickte bei Arminia. 

Familie, Arbeit und Fußball sind drei Konstanten in seinem Leben. Seiner Frau ist der 62-Jährige dankbar, dass sie ihm den Freiraum lässt, sich bei Arminia so stark zu engagieren. Seit 41 Jahren sind beide ein Paar, haben zwei Söhne und drei Enkelkinder. Keine Frage, Kwamo-Kamdem ist ein Familienmensch. Er hat ein großes Herz und kümmert sich auch um andere, vor allem um Kinder. „Wenn ein Kind lächelt, dann bin ich glücklich.“

Und so hat er bei Arminia Bielefeld auch besonders gerne die Kleinen trainiert. Sein Geheimnis als Trainer? „Kein Geheimnis“, sagt Kwamo-Kamdem: „Ich respektiere die Kinder und sie respektieren mich.“ Schon beim ersten Kennenlernen merke er sich die Namen und findet schnell einen Draht zu ihnen. „Ich hab’ da wohl eine Art Magnet“, meint er und erzählt, wie er als junger Vater mit seinem Sohn auf der Straße gebolzt hat. „Dann kamen schon alle Kinder aus der Nachbarschaft und wollten mitspielen.“

Vor einem Jahr hat er den Trainerjob an Jüngere abgegeben und konzentriert sich jetzt auf die Talentsichtung und den Aufbau kommender U10-Mannschaften. „Gucken Sie, wie er spielt!“ Kwamo-Kamdem zeigt auf einen Jungen, vielleicht neun Jahre alt. „Er ist der Kleinste in der Mannschaft, aber er ist so schnell, dass ihm keiner den Ball wegnimmt.“ 

Bewegung, Koordination, Schnelligkeit sind für ihn bei der Talentsuche entscheidend. Aber er will keinen übertriebenen Ehrgeiz fördern. Druck hätten viele Kinder schon genug. „Früher waren die Kinder freier“, ist seine Beobachtung. „Heute sehen einige Eltern ihre Jungen schon als kommenden Fußballstar.“ Manchen Erwachsenen möchte Kwamo-Kamdem da am liebsten zuzurufen: Bleibt gelassen und seid froh, dass euer Kind geradeaus laufen kann.

Der 62-Jährige schaut auf den Fußball in seinen Händen. Natürlich bedeute ihm der Sport viel. Er hat ihm geholfen, in Bielefeld heimisch zu werden. Beim Sport werden Fremde schnell zu Freunden, verstehen sich auch ohne Worte. Nicht umsonst hat Kwamo-Kamdem für seine Arbeit bei Arminia 2014 den Integrationspreis der Stadt Bielefeld bekommen. Eine Auszeichnung, die ihm „wichtiger ist als der Nobelpreis“. Während er das erzählt, versuchen die Jungen auf dem Spielfeld den Ball ins Tor zu kicken. Kwamo-Kamdem lächelt und erinnert sich, wie er selbst als Kind Fußball spielte, barfuß auf der Straße in Kamerun.                       

Silke Tornede

„Ich hab’ da wohl eine Art Magnet.“