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Mehrsprachig aufwachsen

Paulina wurde im belgischen Gent geboren, ihre Mutter ist Deutsche, ihr Vater stammt aus Venezuela. „Wir hatten uns entschlossen, dass jeder seine Muttersprache mit dem Kind spricht. Als Paulina in Belgien die Kita besuchte, kam Flämisch noch dazu“, erinnert sich Sabine Gleich. Da kamen den Eltern doch Bedenken, wie ihre Tochter mit den verschiedenen Sprachen klar komme. Zumal sie in einem Alter war, in dem Sprache und Sprachschatz erst zunehmend aufgebaut wurden.

Sie recherchierte im Internet und holte sich damals Rat an der Universität Bielefeld. „Da muss ich öfter dran denken, jetzt, wo wir in Bielefeld leben“, erzählt sie. Sie entschieden sich damals für Deutsch als Familiensprache: „Wenn wir alle zusammen sind, sprechen wir deutsch. Ansonsten spreche ich weiter mit Paulina und unserer Jüngsten Johanna spanisch“, sagt Vater Alejandro Rubio.

Wenn Eltern verschiedene Muttersprachen haben oder eine andere als die Landessprache sprechen, hat das Kind die große Chance mehrsprachig aufzuwachsen. In Zeiten der Globalisierung hat es durchaus Vorteile verschiedene Sprachen zu sprechen. Das sehen auch einsprachige Familien so, die Anstrengungen unternehmen, die Fremdsprachenkenntnisse ihrer Kinder mit frühem Englisch, zweisprachigem Kindergarten oder ausländischem Au-pair zu verbessern. Wenn dann eine zweite Sprache quasi mit der Muttermilch aufgesogen werden kann, was kann einem Kind Besseres passieren?

„Beim zweisprachigen Spracherwerb wird unterschieden zwischen simultaner und sukzessiver Mehrsprachigkeit“, erklärt Professor Claudia Riemer von der Universität Bielefeld. Sie lehrt und forscht am Fachbereich „Deutsch als Fremdsprache“. Simultan meint, dass es zwei Sprachen gibt, die gleichzeitig von Geburt an erworben werden und unmittelbar mit der Entwicklung des Kindes verbunden sind. Häufig dann, wenn es zwei Sprachen in der Familie gibt, eine „Mamasprache“ und eine „Papasprache“: eine Person- eine Sprache. Bei sukzessiver Zweisprachigkeit erwirbt das Kind zuerst eine Sprache und später kommt zum Beispiel durch Umzug in ein anderes Land eine weitere Sprache hinzu. „In diesem Fall gibt es zunächst die Familiensprache und eine neue Umgebungssprache kommt hinzu“, so Riemer. Diese Konstellation sei der häufigste Fall von Mehrsprachigkeit. „Für diese Kinder ist die Kita ideal, denn sie erwerben die Zweitsprache in natürlichen, spielerischen Situationen. Und viele Kitas verfolgen besondere Sprachförderprogramme.“

Nur einen gültigen Weg zu Mehrsprachigkeit gibt es nicht. Einfluss hat, wie Kinder aufwachsen und welchen Stellenwert die Sprache für das Kind hat, wie es sich darin wohlfühlt. Hier liegt auch ein Schlüssel für den Erfolg. „Mehrsprachige Erziehung funktioniert dann, wenn das Kind eine emotionale Bindung zu der Sprache aufbauen kann. Zum Beispiel durch Vater oder Mutter“, so Riemer. Das setzt voraus, dass sich Eltern selbst in ihrer jeweiligen Sprache wohlfühlen. Denn nur dann sind sie auch authentisch.

So praktizieren es auch Katie und Jens Hermsmeier mit ihrem Sohn Eric. Vater Jens spricht mit ihm nur Deutsch, Mutter Katie, gebürtige Chinesin, mit dem 7-Jährigen von Geburt an Mandarin. „Von vielen Seiten haben wir gehört, dass Kinder mit zwei Sprachen später anfangen zu sprechen. Das können wir nicht bestätigen“, so der 42-Jährige. Das ist auch wissenschaftlich nicht belegt. Vielmehr ist es so, dass der Spracherwerb bei jedem Kind ganz individuell und nicht nach einem festen Zeitplan abläuft – egal ob ein- oder mehrsprachig.

Belegt ist jedoch, dass Zweisprachigkeit sich durchaus positiv auswirkt, ein größeres Bewusstsein für Sprache zu entwickeln. Kinder merken früh, dass sie unterschiedlich klingen und das unterstützt den Erwerb weiterer Sprachen. Doch Experten warnen auch vor allzu großen Erwartungen an die mehrsprachige Erziehung. Kinder reagieren zwar auf die neue Sprache, weigerten sich aber phasenweise, diese selbst anzuwenden. Da sind Kinder recht ökonomisch. „Ich spreche mit Paulina spanisch und manchmal antwortet sie mir auf Deutsch“, sagt Alejandro Rubio: „Das ist ihre starke Sprache. Dennoch versteht sie alles. Toll finde ich es, wenn sich meine Töchter später mal auch auf Spanisch miteinander unterhalten. “

Tipps zur zweisprachigen Erziehung

 

  • Unterstützen Sie den Spracherwerb Ihres Kindes von Geburt an.
  • Formulieren Sie Ihre Erwartungen an die zweisprachige Entwicklung
  • Ihres Kindes.
  • Überlegen Sie, wie wichtig Ihnen persönlich Konsequenz erscheint.
  • Bitten Sie Ihre/n Ehepartner/in, Ihre Muttersprache zu lernen.
  • Suchen Sie Kontakt zu Menschen, die selbst zweisprachig sind.


Quelle: Anja Leist-Villis Elternratgeber
Zweisprachigkeit, Stauffenberg Verlag