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Sie wollen nur das beste für ihr Kind. Doch zu viel des Guten schadet mehr, als dass es Tochter und Sohn hilft

Ganz klar. Frau Müller muss weg. Da sind sich die besorgten Eltern einig. Bei ihren Kindern, allesamt Viertklässler, steht die Entscheidung an, wer den Sprung aufs Gymnasium schafft und wer nicht. Sie sehen die schulische Laufbahn ihrer Zöglinge gefährdet und deshalb muss – die ihrer Meinung nach unfähige – Frau Müller weg. In diesem Fall nur Fiktion und Stoff des gleichnamigen Films, der zur Zeit in unseren Kinos läuft und auf dem Buch von Lutz Hübner basiert.

Aber in Wirklichkeit ist dieses Verhalten gar nicht so weit hergeholt. Der Diplom-Psychologe Daniel Wilhelm von der Universität Bielefeld spricht von externer Schuldzuweisung. „Schuld haben immer die anderen, wenn etwas schief läuft.“ Der Weg zum Abitur darf auf gar keinen Fall gefährdet werden. Besorgte Eltern setzen alles daran, dass die Bildungsoffensive für das eigene Kind ja gelingt und nicht gestört wird. Koste es, was es wolle. Deshalb boomen Nachhilfeinstitute.

Getrieben von dem Anspruch, alles in der Erziehung richtig zu machen, lassen übervorsichtige Mütter und Väter aus Sorge ums Wohlergehen ihre Kinder kaum aus dem Auge, geschweige denn eigenständig handeln. Die Rede ist von Helikopter-Eltern, die stets und ständig über ihr Kind kreisen und wachen. Der dänische Familientherapeut Jesper Juul nennt sie Curling-Eltern. Sie räumen
ihren Kindern alles aus dem Weg und sorgen dafür, dass sie stets freie Bahn haben. Der Hirnforscher Ralph Dawirs spricht von Einmischeritits. Thematisiert wurde das Phänomen in den letzten Jahren mehrfach. Der Spiegel „löste Elternalarm aus“. Der Präsident des Lehrerverbandes, Josef Kraus war Dauergast in Talkshows und forderte, dass Eltern aufhören sollten, die Zukunft ihrer Kinder fest im Griff haben zu wollen und plädierte: „Schluss mit dem Förderwahn.“

Helikopter-Eltern sind nach Wilhelm Eltern, die ihre Kinder in allen Belangen des Lebens begleiten und betreuen. Obwohl der Begriff in Medien und Praxis durchaus Beachtung gefunden hat, gibt es nur wenige Studien dazu. Der Diplom-Psychologe, der in der Studienberatung der Universität tätig ist, schrieb seine Diplomarbeit über Helikopter-Eltern und promoviert derzeit über diese Spezies. Für ihn lassen sich vier Verhaltensmuster erkennen: neben der externen Schuldzuweisung sind das Überbehütung, Überinvolviertheit und Autonomieeinschränkung.

Experten sind sich einig, dass Kinder ihre eigenen Erfahrungen machen müssen. Doch wird ihnen die Chance oftmals nicht gegeben. Das muss jetzt nicht die heiße Herdplatte sein,“ meint Wilhelm. „Ich selbst bin früher auf dem Spielplatz immer ganz hoch geschaukelt und dann abgesprungen. Heute kann ich da gar nicht hinschauen“, gesteht Anke. Die 35-Jährige versucht ihrem Sohn gegenüber
davon nichts anmerken zu lassen. Genervt ist sie von anderen Erwachsenen auf dem Spielplatz: „Nicht so wild, pass auf hinter dir, nein nicht in den Mund nehmen.“ Vorsicht hier, Vorsicht da.

Kinder werden vor allen möglichen Gefahren abgeschirmt. Deshalb werden sie zur
Schule gebracht und brauchen (oder dürfen) nicht mehr den Schulweg selbst zurücklegen. Wilhelm: „Ein typisches Beispiel für Überbehütung.“ Oder Fahrradfahren lernen ohne Stützräder – auch auf die Gefahr hin hinzufallen
und sich Arm oder Bein aufzuschürfen. „Ich hatte mal erlebt, dass einem Kind der
Fahrradhelm aufgesetzt wurde, weil es aufs Klettergerüst wollte“, so Anke kopfschüttelnd. Folge: Die Kinder werden vorsichtig und in ihrem Bewegungsdrang gehemmt. Eltern stehen unter Druck, gute kümmernde Mütter und Väter zu sein und sind deshalb oft überinvolviert und schränken die Autonomie des Kindes ein. Gemeint ist, so Wilhelm, dass Eltern permanent Bescheid wissen (wollen), was ihr Sprössling macht und übernehmen selbst Aufgaben für das Kind. Erklären es auch zum eigenen Projekt zum Beispiel bei Referaten.

Experten mahnen: Jede unangenehme Erfahrung vom Kind fernzuhalten, hemmt es.
Einschränkungen, Vorsichtsmaßnahmen aus Furcht vor Brüchen oder Stürzen können zur Folge haben, dass sich Kinder motorisch nicht so entwickeln. Behüten und glucken schränkt die Offenheit ein, neue Erfahrungen zu sammeln.
Kinder zu fördern ist richtig, aber wenn es nicht freiwillig passiert, sondern auf Druck der Eltern, geht der Schuss nach hinten los. Wilhelm spricht von Reaktanz. Sohn oder Tochter gehen in Widerwehr nach dem Motto „Jetzt erst recht nicht“.

Der Psychologe rät den Eltern zu mehr Gelassenheit. „Jedes Kind entwickelt sich unterschiedlich. Das eine bekommt früh Zähne, das andere läuft spät. Die Zeitfenster sind ganz unterschiedlich.“ Seine Empfehlung: Dem Kind mehr selbst zutrauen. Fördern und fordern – ja. Aber kindgerecht.