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Alltag

LRS – Wenn Buchstaben Ärger machen

Kinder bei Lese-Rechtschreib-Schwäche stärken 

Lesen und Schreiben fällt manchen Kindern einfach schwer und das kann richtig stressig werden – nicht nur für die Kids, sondern auch für die ganze Familie.

Zum Glück gibt es Wege, wie Eltern ihre Kinder unterstützen können, ohne dass der Alltag zur Dauer-Diktat-Hölle wird. Wir haben mit LRS-Trainerin Sandra Schneider über typische Warnsignale, Schulfrust, Nachteilsausgleich und praktische Tipps gesprochen, wie Kinder mit LRS Selbstvertrauen und Freude am Lernen behalten.

milkids: Wann sprechen wir von LRS?

Sandra Schneider: LRS steht für Lese-Rechtschreib-Schwäche. Das bedeutet, dass Kinder, trotz normaler Intelligenz und ausreichender Übung, deutlich größere Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben haben als Gleichaltrige. LRS hat nichts mit Faulheit, mangelnder Begabung oder fehlender Motivation zu tun. Ganz im Gegenteil. Viele dieser Kinder geben sich extrem viel Mühe und arbeiten unglaublich hart, nur eben mit anderen Voraussetzungen.

milkids: Was gibt es für Anzeichen?

Sandra Schneider: Das Bauchgefühl der Eltern ist oft das wichtigste Warnsignal. Viele Mütter und Väter sagen mir: „Ich hatte schon länger das Gefühl, da passt etwas nicht.“
Typische Anzeichen sind zum Beispiel: Kinder vermeiden das Lesen, lesen sehr stockend oder verstehen Texte nicht, die sie gerade gelesen haben. Beim Schreiben schleichen sich viele Fehler ein, selbst bei Wörtern, die eigentlich bekannt sind. Manchmal wird ein Wort im selben Text fünfmal anders geschrieben. Dazu kommen oft emotionale Signale: Bauchschmerzen vor Diktaten, Tränen bei den Hausaufgaben, Sätze wie „Ich bin zu dumm“ oder „Ich kann das eh nicht“. Spätestens dann sollte genauer hingeschaut werden.

LRS – typische Symptome

– langsames, fehlerhaftes Lesen
– schwaches Textverständnis
– viele, wechselnde Rechtschreibfehler
– Buchstaben werden vertauscht oder ausgelassen
– Probleme mit Laut-Buchstaben-Zuordnung
– große Unterschiede zwischen mündlicher und schriftlicher Leistung
– Frustration und Vermeidung von Lese-/Schreibaufgaben

milkids: In welchem Alter kann man LRS erkennen?

Sandra Schneider: LRS kann man erst wirklich erkennen, wenn Kinder richtig lesen und schreiben lernen. Das ist meist in der Grundschule der Fall. Häufig ist es zu Beginn der dritten Klasse. Ich habe aber auch Kinder in meinen Kursen, die sind schon deutlich älter.

milkids: Worin unterscheidet sich eine vorübergehende Lernschwierigkeit von LRS?

Sandra Schneider: Es gibt Kinder, die brauchen einfach etwas länger als andere, das ist völlig normal. Vorübergehende Lernschwierigkeiten treten auf, wenn einem Kind beispielsweise ein neues Thema so gar nicht liegt, es schwer findet. Solche Schwierigkeiten verschwinden meist wieder, wenn das Kind Unterstützung erfährt.  Bei Kids mit LRS bleiben Lernschwierigkeiten über längere Zeit bestehen – trotz Übung und Unterstützung. Das ist für diese Kinder extrem frustrierend, weil sie merken: Egal, wie sehr ich mich anstrenge, es klappt nicht so wie bei den anderen.

milkids: Warum wird LRS bei manchen Kindern erst so spät erkannt?

Sandra Schneider: Weil lange gesagt wird: „Das wächst sich aus“.  In der ersten und zweiten Klasse sind viele noch entspannt – Eltern, Schule, Ärzt:innen. Spätestens in der dritten Klasse, wenn Noten dazukommen, wird der Druck größer.
Leider haben die Kinder dann oft schon einen langen Leidensweg hinter sich:  Misserfolge, Frust und ein angeknackstes Selbstwertgefühl. Je später man hinschaut, desto mehr hat sich dieses „Ich-kann-das-nicht“-Gefühl schon festgesetzt.

milkids: Welche Herausforderungen erleben Kinder mit LRS im Schulalltag?

Sandra Schneider: Ganz viel Stress! Lesen, schreiben, abschreiben – all das kostet enorm viel Energie. Viele Kinder verlieren schnell den Fokus, nicht weil sie faul sind, sondern weil ihr Gehirn permanent auf Hochtouren arbeitet. Dazu kommt das ständige Vergleichen mit anderen. Die Kinder merken sehr genau, dass sie länger brauchen oder mehr Fehler machen. Manche ziehen sich zurück, andere werden laut oder machen den Klassenkasper – alles Strategien, um irgendwie damit umzugehen.

milkids: Gibt es einen Nachteilsausgleich?

Sandra Schneider: In NRW beantragen Eltern den Nachteilsausgleich direkt bei der Schule. Dort wird im Einzelfall entschieden, ob und welche Unterstützung sinnvoll ist und für wie lange. Eine medizinische Diagnose ist dafür nicht zwingend nötig, auch pädagogische Einschätzungen oder Berichte von Fachstellen können ausreichen.

Der Nachteilsausgleich kann ganz unterschiedlich aussehen, zum Beispiel mehr Zeit bei Klassenarbeiten, ein Laptop oder Vorleseprogramme, angepasste Aufgaben, ein ruhiger Arbeitsplatz oder mündliche statt schriftlicher Abfragen. Wichtig ist, dass die Maßnahmen gut zum Kind passen.

In der Regel gilt der Nachteilsausgleich bis Klasse 10 und kann auch in der Oberstufe weitergeführt werden. Wichtig zu wissen: Nachteilsausgleich und Notenschutz sind nicht dasselbe – sie können sich aber je nach Situation ergänzen.

milkids: Was können Eltern konkret tun, um ihr Kind zu stärken und den Spaß am Lernen zu erhalten?

Sandra Schneider: Das Wichtigste: Beziehung vor Leistung. Kinder mit LRS erleben in der Schule oft, dass sie „nicht genügen“. Zu Hause sollten sie sich sicher fühlen. Eltern müssen keine Co-Lehrer werden. Sie dürfen trösten, Mut machen, stärken. Hilfreich ist alles, was Druck rausnimmt, Stärken sichtbar macht und dem Kind zeigt: Du kannst Dinge – auch wenn Lesen und Schreiben dir schwerfallen.

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milkids: Welche Fördermöglichkeiten gibt es und ab wann ist Förderung sinnvoll?

Sandra Schneider: Je früher, desto besser. Wichtig ist aber vor allem, wie gefördert wird. Reines Wiederholen derselben Methoden, die im Unterricht schon nicht funktionieren, bringt wenig. Kinder brauchen Handwerkszeug: Strategien, mit denen sie selbst überprüfen können, ob etwas richtig ist. Das gibt Sicherheit und genau die fehlt ihnen oft. Hierfür gibt es verschiedene  fachliche Angebote.

milkids: Wer stellt eine LRS-Diagnose?

Sandra Schneider: Eine offizielle LRS-Diagnose wird von medizinischen und psychotherapeutischen Fachpersonen gestellt. Dazu zählen: Kinder- und Jugendpsychiater:innen, Kinder- und Jugendpsychotherapeut:innen sowie psychologische Psychotherapeut:innen.

Lehrkräfte oder pädagogische Fachkräfte können auf Auffälligkeiten hinweisen, die Diagnose selbst dürfen sie jedoch nicht stellen.

milkids: Wer trägt die Kosten einer Lerntherapie / LRS Therapie?

Sandra Schneider: Die Therapie der Lese-Rechtschreib-Störung wird nicht von den Krankenkassen übernommen. Die Familien können versuchen eine Kostenübernahme über die Eingliederungshilfe des Jugendamtes finanziert zu bekommen (§35a SGB VIII). Dies ist möglich, wenn eine seelische Behinderung aufgrund der mangelnden Lese-Rechtschreibkompetenz droht.
Wenn das Kind Anspruch auf Lernförderung hat und die Schule keine passende Förderung anbietet, können Leistungen auch aus dem sogenannten Bildungspaket beantragt werden (z. B. bei Bezug von ALG II oder Wohngeld).

milkids: Kann man LRS „heilen“ oder lernt man, damit umzugehen?

Sandra Schneider: LRS ist kein Schnupfen, der einfach wieder verschwindet. Aber: Kinder können sehr gut lernen, damit umzugehen. Mit gezielter Förderung verbessern sich Lesen und Schreiben oft deutlich, und viele entwickeln hilfreiche Strategien für Schule und Alltag. Wichtig ist frühe Unterstützung, Geduld und der Blick auf die Stärken des Kindes.

milkids: Viele Eltern haben Angst, dass LRS den späteren Berufsweg verbaut …

Sandra Schneider: Diese Angst kann ich verstehen, ist aber unbegründet. Es gibt viele Möglichkeiten. LRS legt niemandem Steine in den Weg etwas zu erreichen. Die Betroffenen gehen eher einen anderen Weg, auf dem man manchmal ein paar Umwege geht. Mit passender Förderung, Ausgleichsregelungen und eigenen Strategien finden viele Betroffene ihren Platz in Ausbildung, Studium und Beruf. Entscheidend ist, die Stärken und Interessen zu fördern und ein positives Selbstbild zu unterstützen – nicht die LRS.

Infokasten

Wie gehe ich damit um, wenn ich bei meinem Kind eine LRS Diagnose vermute?

Beobachten: Auffälligkeiten beim Lesen und Schreiben ernst nehmen
Entlasten: Kind nicht unter Druck setzen
Austausch: Gespräch mit der Lehrkraft führen
Abklärung: Fachliche Diagnostik veranlassen
Unterstützung: Geeignete Förderung organisieren (z.B. Lerntherapie, Logopädie)
Stärken stärken: Selbstwertgefühl und Motivation des Kindes fördern.

Wie entsteht LRS?

Laut dem BVL basiert eine Legasthenie (Lese‑ und/oder Rechtschreibstörung) auf einer vielschichtigen Kombination verschiedener Ursachen und nicht nur auf einem einzigen Grund. Es gibt keine einfache, alleinige Erklärung, sondern LRS entsteht durch eine Mischung aus genetischen, neurobiologischen und sprachverarbeitenden Einflüssen.

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