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Stadt - Land - Familie

Zwei Mütter erzählen, was sie am Leben in der Stadt und auf dem Land schätzen

Das Angebot in der Stadt ist groß, die Wege sind kurz. Das schätzen die einen. Das Leben auf dem Land ist ruhig, die Atmosphäre persönlich. Das mögen die anderen. 75 Prozent der Gesamtbevölkerung in Deutschland leben laut Statista in der Stadt. In Ostwestfalen-Lippe ist das Verhältnis fast ausgeglichen, noch leben etwas mehr auf dem Land. Typisches Landei oder doch richtige Stadtpflanze? Zwei Mütter erzählen ganz persönlich, wie ihr Alltag mit Familie in der Stadt und auf dem Land aussieht. Und dabei zeigt sich: Es gibt kein „Entweder oder“, sondern wie so oft ein „Sowohl als auch“.  

Theresa Freese lebt mit Partner und zwei Kindern in Bielefeld

Ich gehöre in die Stadt

Ich habe schon mit 17 einen Führerschein gemacht, um nicht länger auf meine Eltern angewiesen zu sein, wenn ich im Örtchen meiner Herkunft irgendwohin kommen wollte. Gebraucht habe ich den Führerschein allerdings nur drei Jahre lang, dann zog ich in die Stadt und seitdem bin ich meist zu Fuß unterwegs. Sechs Jahre ist dies nun schon her, ich habe hier in Bielefeld meine Ausbildung gemacht, Freunde, einen Job und die Liebe gefunden. Ich habe nie daran gezweifelt, dass ich in die Stadt gehöre. Mit der Geburt meines ersten Kindes hat sich dann doch Unsicherheit bezüglich des Wohnorts eingeschlichen. Damals stand plötzlich die Möglichkeit im Raum, wieder in meinen Heimatort zu ziehen, um dort mit meiner jungen Familie das Elternhaus mit Garten zu übernehmen. Dort zu leben, wo man ganz selbstverständlich mit dem Auto zum Bäcker fährt, die Nachbarn freundlich grüßt und hinter ihren Rücken Tratsch austauscht, wo man zu Weihnachten in die Kirche geht, an allen anderen Sonn- und Feiertagen aber lieber ausschläft. Nee, da wollte ich nicht wieder hin. 

In der Stadt kann ich alles Alltägliche zu Fuß erreichen. Ich kann den Wocheneinkauf mit unserm Lastenrad im Bio-Supermarkt um die Ecke erledigen, kann an fünf von sieben Tagen Frisches auf einem der umliegenden Wochenmärkte kaufen und bin nicht aufs Onlineshopping angewiesen, sondern unterstütze lieber den Einzelhandel und habe trotzdem eine große Auswahl. Ich kann vor unserer Haustür in einen Bus steigen, der bringt mich direkt zum Naturbad und wieder zurück. Ach, und zu meinem sehr geschätzten Arbeitsplatz brauche ich auch nur drei Minuten zu Fuß. 

Man läuft auch netten Familien immer wieder über den Weg

Ich wohne von Anfang an im Bielefelder Stadtkern und fühle mich hier sehr wohl. Das liegt sicher daran, dass alles überschaubar ist und ich immer ruhige Ecken erwischt habe, in denen ich mich nie anonym gefühlt hab. Als Single hätte ich nicht in Berlin oder einer ähnlichen großen Stadt leben wollen, da wäre ich untergegangen. In Bielefeld habe ich viele Freunde bei kulturellen Veranstaltungen kennengelernt. Da trifft man angesichts der Größe der Stadt meist dieselben Leute, und mit denen muss man dann auch keine Spieleabende machen. Das liegt mir auch nicht so, sondern geht auf eine Ausstellungseröffnung, ins Kino oder einfach was essen und anschließend in eine Bar.

Und auch jetzt mit meiner Familie bin ich sehr froh, hier in der Stadt zu leben. Man läuft auch netten Familien immer wieder über den Weg. Sei es bei einem Spaziergang um den Stauteich, bei der Eisdiele in der Nachbarschaft oder auf dem kleinen Spielplatz mit einer der seltenen Kleinkindschaukeln. Und wenn man sich so richtig gut versteht und sich in der (Nicht-)Erziehung seiner Kinder ähnelt, gründet man auch einfach zusammen eine Spiel- und Krabbelgruppe im Jugendzentrum nebenan, bekocht sich gegenseitig, wenn die Kinder krank sind und schüttet sich das Herz aus, wenn’s mal wieder schwerer ist. 

Nun kommt mein erstes Kind schon bald in eine Betreuung und auch da kann ich frei entscheiden, es nicht in eine christliche Einrichtung, wie ich sie aus unserm Dorf kenne, zu schicken, sondern in den Kinderladen, der als Elterninitiative organisiert ist, in dem wir mitkochen und mitbestimmen und zu dem ich, na klar, mit dem Fahrrad fahren kann.

Wir haben uns vor ein paar Tagen nun trotzdem ein Auto gekauft. Aber nicht für die Stadt, sondern für die regelmäßigen Familienbesuche auf dem Land. Denn ein eigener Garten fehlt mir hier schon sehr.  

 

Sarah Leewe lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Borgholzhausen

Charlotte Roche schrieb letztlich einen Artikel für die Süddeutsche Zeitung, in dem sie dazu aufruft, die Städte zu verlassen. „Im Wald triffst du keine anderen Menschen, die dir voll auf den Sack gehen, und bist nicht gezwungen, Plakate zu lesen, Werbung in deinen Kopf zu lassen und anschließend bei Amazon einzukaufen. Die Natur will dir nichts verkaufen. Du sollst nur sein, im Hier und Jetzt. Glücklich.“

Ich finde, sie hat total Recht.

Auf dem Land hat alles eine etwas andere Zeitrechnung. Um die Ecke gibt es zwar noch einen Bäcker, aber außer den Klassikern Wurst/Käse/Kakao und der Tageszeitung bleibt das Sortiment eher übersichtlich. Der eigentliche Stadtkern beheimatet im Großen und Ganzen eine Eisdiele, den berühmten Lebkuchen-Bäcker, den weltbesten normalen Bäcker und einen Buchladen. Das ist nicht besonders viel. Grundsätzlich möchte erst einmal niemand etwas von mir.

Wir leben hier seit knapp 17 Jahren. Zuerst in einer WG, später dann mit den gleichen Menschen auf einem großen Resthof. Gemeinsam mit meinem Mann habe ich zwei Kinder und ein Webbüro im Bielefelder Westen, wo wir mit anderen Kreativen zusammen in einer Agenturgemeinschaft arbeiten. Unsere Kinder kennen es nicht anders, neben kleinen Stadtausflügen leben sie quasi das totale Landleben.

Wenn Freunde aus der Stadt zu Besuch sind, wundern sie sich oft über die Stille. Und es ist schon so: Es wirkt ein bisschen wie in Bullerbü. Gerade jetzt sind die Kinder den ganzen Tag draußen, man riecht das Gras, die Wiesen, den Wald. Die Nachbarskinder treffen sich auf dem Hof, wir pflücken die ersten Kirschen und Johannisbeeren, manchmal spielen sie Verstecken im Maisfeld. Wenn ihnen langweilig wird, besuchen sie die Esel vom Nachbarn oder schauen, was die Kälbchen bei dem Bauer nebenan so treiben.

Ich mag es, dass man die Jahreszeiten hier intensiver wahrnimmt, durch die ganze Natur drumherum ist alles präsenter. Wenn ich nachts in den Himmel schaue, sehe ich Sterne und keine Industrielichter. Die ersten warmen Frühlingstage werden euphorisch gefeiert, alle drängt es nach draußen und spätestens ab der Sommerzeit macht regelmäßig jemand von uns oder unserer Freunde einen Abend mit Essen und Lagerfeuer draußen – und alle kommen einfach vorbei. Die Kinder werden zusammengewürfelt, die Großen ärgern ein bisschen die Kleinen und am Ende bleibt das Gefühl, dass es genauso sein muss.

Wenn unserem Nachbarn um 23.00 Uhr einfällt, dass er ja eigentlich noch den Rasen mähen wollte, ist uns das genauso egal wie ihm, wenn es bei uns im Proberaum laut wird. Manchmal erzählen Freunde von irgendwelchen Mülltonnen die falsch stehen oder Büschen, die wegen ihrer Nachbarn geschnitten werden müssen. Holy shit.

Neben der ganzen Idylle sieht es im Alltag oft hektisch aus.

Ein bisschen Sonderlinge sind wir hier allerdings auch. Das liegt vor allem an den Technik-Hobbys, diversen Gadgets und dem Netflix Abo. Vielleicht ist es auch die VR Brille. Aber das stört auch niemanden. Denn tatsächlich hat jeder irgendwie eine wichtige Rolle in unserem Netzwerk. Wenn mein Auto beispielsweise komische Geräusche von sich gibt oder Teillastruckeln hat, frage ich meinen Freund Christian, ob er mal nachschauen kann. Eine Freundin backt Biobrot für alle, eine schneidet die Haare, eine renkt Knochen wieder ein. Eine Freundin ist Tischlerin und schaut sich demnächst noch mal die alten Gartenstühle meiner Schwester an. Und gleicher Freund Christian lädt jährlich zu seiner berühmten Käsesuppe ein, während man mit ihm gemeinsam sein Holz für den Winter stapelt. Ich glaube, das hat man nur hier. Und das ist ziemlich großartig.

Bald geht auch das zweite Kind in die Kita und ich werde wieder mehrere Tage in der Woche in die Stadt fahren, um dort zu arbeiten. Tatsächlich kann ich es kaum erwarten!

Neben der ganzen Idylle sieht es im Alltag oft hektisch aus. Wir stehen gegen sechs Uhr auf, um die Kinder passend fertig zu machen, wegen der ca. 30 Minuten Wegzeit ist man manchmal erst um 9.30 Uhr in Bielefeld angelangt. Genauso früh muss man die Zelte wieder abbrechen, um die Bande nachmittags einzusammeln. Wenn man noch Dinge besorgen oder einkaufen muss, dauert es entsprechend länger. Überhaupt ist alles irgendwie außerhalb. Mal eben mit Freunden aus dem Büro auf ein Feierabendbier in die Stadt? So spontan ist das eher schwierig.

Ich mag die visuellen Reize der Stadt, die mir Inspirationen bieten, das Tempo,  die interessanten Menschen. Vor allem: viele Menschen, die ich nicht alle persönlich kenne. Ich schätze diesen stetigen Wechsel sehr. Spätestens wenn es so langsam Winter wird, sich hier alle in ihren Häusern verkriechen und die Stille plötzlich sehr laut wird, dann kommt wieder die Zeit, in der ich mich nach der Stadt sehne und vieles in Frage stelle.

Irgendwann wird es unseren Kindern vermutlich auch so ergehen, sie werden die Stadt brauchen, mehr oder andere Dinge erleben wollen. Ich kann sie verstehen und harre der Dinge.

Alles in allem kann es also erst einmal so bleiben, bitte.